Sonntag, 1. November 2009

Obama und der Preis des Friedens (Artikel in der 'Readers Edition' vom 9.10.09)


In der Online-Ausgabe einer Zeitung las ich heute folgenden Kommentar zu US-Präsident Barack Obama. Der Artikel handelte von der plausiblen Strategie, dem äußerst ressourcenintensiven und mittlerweile seit acht Jahren (!) stattfindenden Krieg gegen die Taliban, eine neue Richtung zu geben. In dieser Strategie geht es darum, nicht ideologisch verbrämt, sondern pragmatisch mit den Taliban umzugehen und die scheinbar wahre militärische Herausforderung, Al Qaida, nicht aus den Augen zu verlieren. Taliban und Al Qaida sind ja bekannterweise nicht ein und dasselbe.

Nun zum Kommentar:

Obama wird mit allen schlafen! Das waren meine Worte bevor er gewählt wurde. Ihm fehlt jegliche Art des Denkvermögens um das Gesagte in Taten umzusetzen. Dieser Mann wird nur noch enttäuschen, in jeder Hinsicht. Er tanzt auf so vielen Hochzeiten, er ist so sichtbar wie kein anderer Präsident vor ihm. Kurz gesagt, schöne Worte sind schön, umgesetzt in wirkungsvollen Taten sind viel besser! Er prostituiert unserer Werte für eine kurzfrsitige Sicherheitspolitik. Eine Weitsicht fehlt ihm, die Einsicht zum richtigen Handeln noch viel mehr!

Wie so oft stutzte ich nach der Lektüre. Spontan konnte ich nicht umhin dem Autor leise rassistische Untertöne zu unterstellen. Aber warum? Lag ich da richtig? War es nicht sein gutes Recht, sich über einen amtierenden US-Präsidenten auszulassen, ohne dass ich mich persönlich angegriffen fühle? Ich dachte kurz nach und kam zu der Überzeugung, dass meine erste Wahrnehmung des Kommentars eben nicht subjektiv war, sondern ich wahrscheinlich nur einen sehr geschulten Blick für subtile Botschaften besitze (ganz bestimmt liege ich dabei mit meinen Urteilen nicht immer richtig, aber das ist eine andere Geschichte…) Hätte der Autor so etwas, selbst offenbar kein US-Bürger und daher weder Republikaner noch Demokrat, auch über einen amtierenden Präsidenten John McCain geschrieben? Auch die sehr spezielle Wortwahl war recht untypisch, da äußerst persönlich und unsachlich.

Ich sah mich folglich gezwungen auf den Kommentar zu reagieren. Egal wer nun US-Präsident ist, diesem Menschen “fehlende Weitsicht”, eine “Prostituierung unserer Werte” und gar “fehlendes Denkvermögen” zu bescheinigen ist doch eine sehr weit reichende Beurteilung, die nur ein Mensch treffen sollte, der aus eigener Erfahrung mit den Herausforderungen und Zwängen internationaler und nationaler Politik vertraut ist. Dies insbesondere dann, wenn dieser Präsident, im Gegensatz zu einem Präsidenten Bush, noch keine gravierenden außenpolitischen Fehler begangen hat.

Ist es folglich Barack Obama der ideologisch handelt und denkt oder sind es seine Kritiker die sich zu derartig anmaßenden Kommentaren hinreißen lassen?

Was meint der Autor, wenn er von einer Prostituierung unserer Werte spricht. Wer ist hier unsere ergo wir? Ist es denn vollkommen aus der Luft gegriffen, wenn man da den Eindruck gewinnt, dass hier das (Vor-)Urteil bei der Beurteilung Obamas schon längst gefällt wurde? Haben andere Präsidenten in der kurzen Zeit und in einer solchen Situation etwa mehr erreicht? Wäre McCain die bessere Wahl gewesen? Doch wohl sicher nicht. Das, was der Autor Obama ganz offensichtlich abspricht, nämlich pragmatisches und realistisches Augenmaß und Besonnenheit in seinem Vorgehen, lässt er selbst bei seiner unsachlichen Beurteilung vermissen. Was hätte der Autor wohl gesagt, wenn er, zum Zeitpunkt seines Kommentars gewusst hätte, dass Barack Obama der Friedensnobelpreis verliehen wurde? Er wäre ganz gewiss auf seine spezielle Art darauf eingegangen.

Persönlich empfinde ich die Entscheidung des Komitees als richtig und weitsichtig. Eine Entscheidung zur rechten Zeit.

Einer Zeit, in der Obama mehr und mehr unter Druck gerät ohne die schwierige wirtschaftliche Situation in den USA oder den Krieg in Afghanistan selbst verschuldet zu haben. Hier wird ein Mensch/ein Präsident ausgezeichnet, der eine millionenfache Vision (ja ein oft strapaziertes Wort, aber in diesem Fall wohl tatsächlich angebracht) von der Welt auf die internationale und nationale Bühne zu übertragen versucht, ohne sich dabei den scheinbar unumgänglichen Zwängen der “Realpolitik” zu unterwerfen.

Warum wird auch immer wieder ins Feld geführt, dass Obama noch nichts erreicht und keine Erfolge vorzuweisen habe? Als politisch und international interessierter Mensch, habe ich nämlich durchaus den Eindruck, dass sich im glücklichsten Fall ganz allmählich, auch dank Obamas Diplomatie und konkreter Politik, ein neues internationales Paradigma durchzusetzen scheint. Zumindest lässt sich doch ganz unbestreitbar ein leicht verändertes weltpolitisches Klima wahrnehmen. Ist damit nicht bereits unendlich viel erreicht? Es wird Barack Obama dabei oft vorgeworfen, nur zu reden und nicht zu handeln. Doch andere Politiker scheinen heutzutage noch nicht einmal mehr in der Lage zu sein, derartige visionäre Ziele zu formulieren, und ja, tatsächlich zu den Menschen zu reden, diese mitzureißen und (wieder) an eine bessere Zukunft glauben zu lassen. Ganz zu schweigen davon, dass auch unsere herkömmlichen Politprofis keineswegs (immer) die richtigen Entscheidungen treffen wenn sie denn Handeln. Es ist wohl auch ziemlich offensichtlich, dass es sich um eine Verzerrung der Tatsachen handelt zu behaupten, Obama hätte bislang nicht gehandelt. Zumindest sollten wir aber abwarten wohin Obamas Politik führt und sie nicht schon jetzt, aus welchen Gründen auch immer, in der Luft zerfetzen. Es ist ihm und uns auf jeden Fall nicht zu wünschen, dass er scheitert und Schadenfreude wäre in diesem Fall doch eine recht groteske Reaktion.

Nun werden die Kritiker der Nobelpreisentscheidung einwerfen, dass die Entscheidung des Komitees ungerechtfertigt ist, da zu früh und politisch motiviert. Ich denke, dass Komitee ist froh darüber, dass es da einen Präsidenten, vor allem einen US-Präsidenten gibt, der sich alleine durch eben sein authentisches Reden auf äußerst wohltuende Art und Weise vom Mainstream der internationalen Politik unterscheidet. Das Komitee wollte wohl ein Zeichen setzen und man kann nur hoffen, dass ihm das gelungen ist. Hier wird ein Präsident gewürdigt der sich traut gegen den Strom herkömmlicher “Realpolitik” zu schwimmen.

Ist er deshalb ein Visionär, der sich in ärztliche Obhut begeben sollte, ganz nach dem Schmidtschen Motto “Wer Visionen hat sollte zum Arzt gehen”? Schließen sich realpolitische Ratio und eine konstruktivistische Sicht auf die (Welt-)Politik denn gegenseitig aus? Das Komitee ist scheinbar der Meinung, dass dies nicht so ist, oder nicht so sein sollte. So interpretiere ich zumindest die Entscheidung des Komitees. Man darf auf jeden Fall auf die Debatten der kommenden Tage gespannt sein. Auch das Argument, dass der Preis hier eine Politisierung erfährt sticht nicht, wenn man die bisherigen Preisträger des Friedensnobelpreises mit in Betracht zieht. Der Preis war immer politisch, auch wenn er nicht immer an Politiker verliehen wurde; und nicht immer wurde er erst verliehen, wenn sich die Politik des Preisträgers bereits durchgesetzt hatte. Siehe Nahost-Konflikt. Auch Brandts Ostpolitik war eingeleitet, aber bei Weitem noch nicht abgeschlossen als er den Preis erhielt.

Ich halte es daher mit einem weiteren, jungen Kommentator der die Verleihung folgendermaßen beurteilt:

Für mich überraschend, dass er den erhält, aber meiner Meinung nach eine sehr gute Entscheidung. Ich habe noch keinen Politiker erlebt (was daran liegen mag, dass ich noch recht jung bin), der so viel einfach über Kommunikation und Reden zu bewirken versucht, der wirkliich engagiert als Vermittler ist. Der sich allem offen zeigt, der selbst bei außenpolitischen Gegnern der USA oftmals Respekt genießt und der, wenn er die notwenidge Unterstützung erhält, tatsächlich einiges für mehr Frieden auf dieser Welt bewirken kann.

Trotz allem lässt sich darüber streiten, ob die Verleihung richtig war, warum auch nicht? Nur ideologisch und subjektiviert sollte diese Diskussion bitte nicht sein. Auch ob die Verleihung des Preises es Obama am Ende eventuell schwerer macht international und wohl vor allem national (nach dem US-Motto: “Lass dich nicht im Ausland feiern, kümmere dich um unsere Probleme!”) seine Politik zu verfolgen und durchzusetzen steht auf einem anderen Blatt. In diesem Sinne, Congratulations Mr. President…

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